Kritik
Marion Violet ist eine erstaunlich vielseitige Künstlerin mit Potential, offenbar sehr unterschiedlichem kreativen Potential. Vor allem wirkt sie - schon das ist erstaunlich genug - als Schauspielerin, Kabarettistin, Chanson- und Liedinterpretin, nicht selten von eigenen Texten, die ihr pianistischer Begleiter Bert Poulheim vertont.
Wer sie z.B. im Berliner Hansa-Theater in der Rolle einer - wenn auch alles andere als berechnenden, vielmehr beherzten - Hure in Der Wind in den Zweigen des Sassafras von René de Obaldia erlebt hat, wer ihren mitunter kessen Liedvorträgen lauscht, der staunt über die Sensibilität ihrer Gedichte.
Schon der dritte Band solcher Tätigkeit, Zeugnis ihrer unverkennbaren lyrischen Begabung, ihrer Liebe zu Natur und Menschen, liegt nun vor. Es ist, um sie selbst aus diesem Buch zu zitieren, "eine Polonaise der Einfälle". Und: "Bäume haben ihre Gesichter geöffnet. Menschen, die still sprechen." Der folgenden Violetschen Verszeile freilich will der kritische Leser nicht folgen: "Der Worte sind zu viele." Der vierte lesenswerter Band, ein umfangreiches Lyrik-Buch liegt seit Mai 2006 vor: "Ich habe dich oft gerufen" (107 S.).
Es ist gerade die Knappheit der Sprache, das vielfach Skizzenhafte, Behutsame, das Angedeutete, mitunter nicht direkt Ausgesprochene, was besticht und zum Weiterdenken veranlaßt.
Man spürt geradezu den Duft der Blüten, die sie beschreibt, sieht vor sich heimische wie exotische Landschaften, wenn man die Kraft ihrer Bilder auf sich wirken läßt. Und auch "Weltverhältnisse" weiß Marion Violet sparsam in unser Bewußtsein zu rücken und zu deuten.
Wen wundert es bei alledem, daß sie innige Beziehungen zur Musik und auch zur Bildenden Kunst hat? Ihre Lyrik weist den eigenen Ton und auch ohne Pinsel und Zeichenstift hohe Bildhaftigkeit auf. Für vieles findet sie "Die Tür" ins Land poetischer Fantasie.
Klaus Klingbeil, 2. Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Kritiker
06.03.2002
