Überlegungen zum Chanson-Zyklus „Besuchten mich Engel“
Als Marion Violet mich fragte, ob ich ihre Lyrik vertonen wolle habe ich um die Texte gebeten und mir dann eine große Zahl ausgewählt. Marion Violet schreibt ihre Lyrik nicht gereimt und in keinerlei geregelten Versmaße. Es ist fast Prosa, nur Zeilenaufteilung deutet an, daß dies Gedichte sind. Sie schreibt sehr bildhaft und benutzt Bilder. Darin liegt die Gefahr, daß allzu wechselnde Bilder ineinander verschachtelt werden und eigentlich keines der Bilder mehr als Bild erkennbar ist. Jedoch ist diese bildhafte Ausdrucksweise weniger eine Ansammlung und Verschachtelung von Bildern, vielmehr sind dies bildhafte Synonyme oder synonymische Bilder.
Aufgrund dieser Ausgangslage nahm ich mir zunächst vor, diese Texte als Kunstlied-Zyklus im Zwölftonprinzip zu schreiben, zumal ich seit zwanzig Jahren kaum noch Chansons und keine (gehobene) Unterhaltungsmusik mehr geschrieben hatte sondern nur noch sogenannte „E-Musik“. Ich schreibe meist in einem Zwölftonprinzip vergleichbar eher Alban Berg als Schönberg, d.h. trotz des Zwölftons soll die Musik sinnlich erfahrbar sein, will sagen: die Sinne und Gefühle werden angesprochen, und mein Zwölfton wird nicht - wie in sogenannter „moderner“ Musik häufig - vom Publikum als „häßlich“ beurteilt. Nach einem Konzert mit Zwölftonmusik sagte mir eine Dame aus dem Publikum: "Ich hasse moderne Musik, und ich hasse Zwölftonmusik, aber Ihre moderne Zwölftonmusik ist mir zu Herzen gegangen". Hanns Eisler hatte seinem Lehrer Schönberg vorgeworfen, „Musik nur für Komponisten“ zu schreiben. Manchmal denke ich, daß Komponisten sich vornehmen, je häßlicher ihre Musik klinge, desto moderner und anspruchsvoller sei sie. Dies ist ein großer Irrtum aber ein ganz anderes Thema.
Marion hat es jedoch geschafft, mich zu überreden, daraus Songs bzw. Chansons zu machen. Daß in einer Lyrik keine geregelten Versmaße sind ist mir angenehmer als diese ewigen Wiederholungen der gleichen (historisch wunderbaren) Versmaße. Jedoch ist heutige Lyrik überhaupt nicht mehr vergleichbar mit etwa Goethe oder Heinrich Heine. Für mich ist dies eine willkommene Herausforderung.
Nun ging ich an die Arbeit. Zunächst vereinfachte ich die Wortrhythmen durch winzigste Eingriffe: ich nahm hier eine Silbe weg, fügte dort eine Silbe hinzu um einen fließenden Wortrhytmus zu finden. Auch wiederholte ich Zeilen und schaffte refrainartige Abschnitte. Soweit so gut. Nun waren da aber die vielen Bilder, die in einem Song eher verwirren. Also nahm ich mir vor, so schlicht wie möglich zu schreiben, um es dem Hörer einfacher zu machen. Ich fügte instrumentale Zwischenteile ein, um die Bilder zu trennen. Dadurch wurden die synonymischen Bilder leichter erfaßbar. Meine Freundin Lisa sagte: „Durch Deine Vertonung begreife ich überhaupt erst den Text“. Danke, liebe Lisa, für dieses Kompliment, auf das ich mir aber nichts einbilde, ich bin weniger Künstler als Handwerker, ich versuche (wie Richard Strauss gesagt hat) Messer und Gabel in Musik umzusetzen.
Ich will einige wenige Zeilen solcher bildhaften Synonyme analysieren. Nehmen wir nur den wunderschönen Text von „Liebeslied“ als Beispiel:
„Die Sonne so heiß“ - es ist heißes Wetter, die Sonne brennt fast schmerzhaft, aber:
„Deine Finger so leis“ - Finger haben keine Lautstärker, aber sie fassen manchmal sehr behutsam und zärtlich zu, also vergleichbar einer leisen, zärtlichen Sprache der Liebe
„auf den Sohlen eines grünenden Gartens“ - eigentlich sollte man denken, der Garten hat keine Sohlen, vielmehr geht der Geliebte mit weichen Sohlen durch einen grünenden Garten. Durch die Umkehrung des Bildes jedoch zieht der grünende Garten für den Geliebten weiche Sohlen an, dann kann er gehen wie er will, sein Schritt ist immer weich. Der grünende Garten von Marion ist also ihr Liebesgarten, der die Wirklichkeit verkehrt.
„gehst Du
in Deinen Fingerspitzen mein Lied“ - hier tauchen die obigen Finger wieder auf. Es sind keine „spitzen Finger“, mit welchen man etwa Unangenehmes in die Finger nähme, vielmehr besitzen besonders die Fingerspitzen den größten Tastsinn. Der Geliebte ertastet also mit seinen zartesten Sinnen ihr Lied „in Deinen Fingerspitzen mein Lied:“ - dies ist die eingefügte Wiederholung, um den Sinn zu vertiefen. „Na - na nana Na ...“ - das ist eine Einfügung des Komponisten: wie war doch gleich mein Lied das er so liebt? Ach ja: die Melodie ging etwa so..., der Text ist fast unwichtig, also Nanana...
„Wie gehst Du - ganz unsichtbar“ - ich sehe nicht, wie Du das machst, es ist mir fast unbegreiflich, aber Liebe ist ja unfaßbar und entsteht nur in den Köpfen der Liebenden
„mir nie davon?“ - die Betonung nicht auf nie sondern auf mir, denn nur in ihrem Kopf und in seinem Kopf entsteht die Liebe.
Somit werden alle die Bilder folgerichtig durch neue Zeilenaufteilung und vertiefende Wiederholungen.
Ich nehme noch einige Zeilen aus dem Lied "Liebeslied", meine Lieblingszeilen:
„Und unter Palmen stehe ich“ - Palmen gibt es kaum in unserer Gegend, Palmen sind also ein Traumgarten, denn die Liebe ist nur ein Traum
„gefiederte Arme“ - Arme sind nicht gefiedert, aber Vögel stelzen ihre Flügel in der Balz, und so balzt auch sie bildhaft, sie macht sich schön und attraktiv für den Geliebten
„Palmstränge fließen“ - Stränge an Palmen umschlingen, ja fesseln geradezu, auch die Liebe umschlingt und fesselt die Liebenden
„in mein Tuch“ - wie Sternthaler sammelt sie in einem Tuch alle diese Gefühle
„gewebt von Millionen Liebender“ - Millionen haben also an diesem Sternthaler-Tuch mitgewebt, Millionen haben schon geliebt und lieben, aber:
„suche ich Dein Gesicht“ - jede Liebe ist anders, jede Liebe ist einmalig, und das hängt mit dem einen Geliebten zusammen, also seinem Gesicht, seiner Ausstrahlung, seiner Wirkung auf sie, die Liebende, und sie hat ihn unter Millionen gefunden
„denn das bist nur Du“ - das ist auf den Punkt gebracht: nur Du bist so, nur bei Dir und nur durch Dich geschieht das, entsteht die Liebe
„das bist nur Du“ - diese Wiederholung vertieft diese Einmaligkeit der Liebe zu dem Einen
Na Na Na Na-na-na
Na-na-na Na...
Das habe ich hinzugefügt wie einen Refrain, den man gerne vor sich hinsummt. Jedes betonte Na ist groß geschrieben, die unbetonten sind mit Bindestrich kleingeschrieben angehängt, sodaß der Wortrhythmus schon im Text sichtbar wird und leichter einstudiert werden kann, auch dies letzte eine geradezu pädagogische aber wichtige Überlegung für Sänger und Korrepetitoren.
Ich glaube nicht, daß sich Marion all diese Überlegungen gemacht hat, sie hat alles eher aus ihrem - wie ich das nenne - intelligenten Gefühl gemacht. Aber ich, der analytisch denkende und arbeitende Handwerker, der seinen Intellekt benutzt, um den Intellekt der Hörer durch seine Musik geradezu auszuschalten und zu umgehen und die Sinnlichkeit in der Musik eher konstruiert (dieses Geständnis hat schon manchen Herrn Publikus furchtbar enttäuscht, beruht aber auf Tatsächlichkeit), damit sie nur die gewünschten Emotionen hervorruft und keine falschen und gleichzeitig aber einen Freiraum schafft (wir alle haben von Brecht und Eisler gelernt), sodaß jeder in jedes Bild, jeden Ton und jede Emotion seine eigenen Erfahrungen und Bilder hineinbringen kann. Das brauchen die Menschen, das halte ich insofern für notwendig auch und gerade in der leichteren Muse.
Holger Münzer 2003
